14.12.2017

Das Wort zum Freitag - Luigi, der Lichterpirat



Luigi, und mit ihm die ganze Crew des „Roten Korsaren“, hatte Landgang. Sie zogen durch die fremde Stadt und suchten nach kleinen Geschenken für ihre Familien, denn das Nudlige Lichterfest war nicht mehr weit.

Piraten und Einkaufen … das passt einfach heute wie damals nicht zusammen und macht deshalb sehr, sehr durstig. Die komplette Mannschaft fiel daher in die erst beste Taverne ein, um sich an Rum und Bier gütlich zu tun, bevor es wieder aufs Schiff ging. Mit jedem Getränk stieg die Stimmung. Man sang in Vorfreude auf die baldige Heimfahrt ausgelassen das eine oder andere Piratenlied, spann Seemannsgarn und fing am Ende sogar an, wild umher zu hüpfen. Tanzen konnte man wahrlich nicht dazu sagen.

Der Aufbruch kam dann sehr abrupt. Irgendwo schlug laut eine Turmuhr. Die fröhliche Runde war über die schnell verflogene Zeit sehr erschrocken und lief, so schnell es nach dem reichlichen Trunk noch ging, auf den Ankerplatz ihres Schiffes zu. Wussten sie doch, wie stinksauer der Kapitän war, wenn er sich auf die Crew nicht verlassen konnte. Das brauchte so kurz vor dem Weinachtsfest wirklich keiner.

Nur einer schlummerte noch selig. Luigi wurde bei dem hektischen Aufbruch schlicht vergessen. Als der Wirt der Taverne Feierabend machen wollte, zog er heftig am Rotschopf des inzwischen auf der Bank zusammengerollten und sehr laut schnarchenden Piraten.

Langsam kam der zu sich und rieb sich umständlich den Schlaf aus den eigentlich strahlend blauen Augen. Die leuchteten momentan gar nicht, denn er erfasste langsam die Lage. Hoffnung, dass die „Roter Korsar“ auf ihn warten würde, gab es nicht. Der Wirt hatte auch kein großes Mitleid. Er wollte endlich Feierabend machen und setzte den Trunkenbold flugs vor die Tür. Was blieb unserem Piraten übrig? Um noch eine Übernachtung zu finden, musste er sich beeilen. Morgen würde er dann schon eine Möglichkeit finden, um auf schnellstem Wege nach Hause zu kommen. So stiefelte er los, hinaus in die kalte Nacht und nicht ganz sicher auf den wackligen Beinen.

Der Ort machte einen sehr verschlafenen Eindruck. Fast alle Häuser waren dunkel. Erspähte er doch ein erleuchtetes Fenster, klopfte er und bat um eine Übernachtungsmöglichkeit. Keiner hatte Lust, den angetrunkenen Kerl zu beherbergen, der mit seiner zerzausten roten Lockenpracht und den leicht blutunterlaufen Augen nicht gerade Vertrauen erweckte. Er wurde immer, meist recht harrsch, abgewiesen.

Also hielt Luigi resigniert Ausschau nach einer alten Scheune oder irgend einem nicht ganz so zugigen Platz, als er fast am Ende des Ortes noch Licht in einem ziemlich ärmlichen Haus entdeckte. Dort wollte er seinen letzten Versuch starten. Er unternahm einen vergeblichen Versuch, sein zottiges Haar zu richten, strich, so gut es ging, seine Kleidung glatt und klopfte zaghaft, dann laut und lauter. Schlurfende Schritte waren endlich zu hören. Vorsichtig wurde die knarrende Tür einen Spalt breit geöffnet und eine sehr alte Frau lugte aus trüben Augen hindurch.

Luigi bat, so freundlich er nur konnte, um Einlass und einen Schlafplatz für die Nacht. Die Alte bat ihn herein, bot ihm einen Sitzplatz und ein warmes Getränk an. „Ich bin die Trine“ sagte sie und blickte ihm, so gut sie eben noch sehen konnte, ohne Angst ins Gesicht. Die hutzelige Frau war einsam und heute einfach froh, Gesellschaft zu haben. So ein Fremder würde ihr sicher den Abend mit ein paar schönen Geschichten erhellen, wenn sie ihm ein Nachtlager zusicherte.

In dem Haus war es ziemlich kalt. Als Luigi Trine darauf ansprach, gab sie ihm einfach eine Axt in die Hand. „Geh hinter das Haus, Jungchen, da findest du genügend Holz. Mir fehlt leider die Kraft, es zu hacken.“ Der Rotschopf zog also ums Haus und machte Brennholz. Bald brannte Feuer im Kamin und sorgte für Gemütlichkeit. Sagte ich Gemütlichkeit? Gemütlich war es in dem Haus so gar nicht. Bequeme Sitzmöbel standen zwar im Raum und auch sonst war alles da, was man in einer guten Stube so braucht. Aber es war sehr heruntergekommen und dreckig. Ein echter und obendrein gerade ziemlich ungewaschener Pirat ist nicht zimperlich. Aber bei ihm zu Hause sah es doch um einiges besser aus. Er beschloss, seiner freundlichen Gastgeberin zu helfen, die offensichtlich nicht mehr in der Lage war, die Hausarbeit selbst zu erledigen. Gleich morgen wollte er die Sache angehen.

Am nächsten Morgen hatte Trine schon ein gutes Frühstück für beide in Arbeit. Gemeinsam nahmen sie es ein. Luigi rechnete damit, dass er ohne eine weitere Übernachtung bei Trine nicht auskommen würde. Er hatte noch den Heimweg zu organisieren und ging nicht davon aus, sofort ein Schiff zu finden, das ihn nach Hause brachte. Er erzählte der Alten mit zwinkerndem Auge, dass er der Lichterpirat in seiner Heimatstadt sei. „Was ist ein Lichterpirat?“ fragte sie neugierig. „Ein Pirat, der Licht ins Leben guter Menschen bringt“ antwortete Luigi. „Deshalb werde ich jetzt auch Licht in dein Heim bringen, es auf Hochglanz polieren und dir zum Abschied ein kleines Geschenk machen, wie es ein Lichterpirat in der Pastatszeit tut.“ Trübe Augen begannen zu leuchten.

Zum Glück hatte unser Lichterpirat ein überzähliges buntes Tuch im Gepäck. Beim Kauf der Geschenke zum Nudligen Lichterfest hatte er für seine Frau so ein Tuch gesucht. Er fand einen Stand mit wunderschönen Tüchern, konnte sich dann aber für keins so richtig entscheiden. Da sie sehr preiswert waren, kaufte er einfach zwei. Das, was er für Trine passender Fand, bekam nun sie.

Vormittags war Luigi damit beschäftigt, das Haus auf Vordermann zu bringen. Anschließend machte er sich auf den Weg, um seine Heimfahrt zu organisieren. Inzwischen war die Hauherrin unterwegs, um all die Dinge zu besorgen, die ein gutes Abendmahl erfordern. Bei ihren Einkäufen erzählte sie, dass sie einen Lichterpiraten im Haus beherberge, der ihr als Dank dafür das Haus glänzend aufpoliert. Die abergläubigen Zuhörer starrten sie neidisch an.

So wurde es Nachmittag. Trine kochte und als Luigi alles in den Griff bekam, um seine Heimfahrt anzutreten, fanden sich beide in einer strahlend hellen und warmen guten Stube zum Essen ein. Sie erzählten einander, was ihnen der Tag brachte und was ihnen sonst noch erwähnenswert erschien.

Unser Lichterpirat durfte noch einen weiteren Abend Licht in den Alltag der Greisin bringen, denn er benötigte noch eine weitere Übernachtung, um die er jetzt bat. Sein Schiff sollte erst am folgenden Nachmittag seine Reise antreten. Natürlich hatte Trine nicht das Geringste dagegen, freute sich auf einen weiteren Abend in guter Gesellschaft. Luigi fragte, warum sich denn hier kein Angehöriger sehen lässt. Die alte Frau wurde traurig, als sie erzählte, dass sie keine Familie mehr hat. Verwundert darüber berichtete der Rotschopf, dass sich in seiner Heimat jeder um den anderen kümmert. Viele im Ort sind Pastafari, so wie er, glauben an das Fliegende Spaghettimonster, dem es irgendwie lieber ist, dass einer für den anderen da ist, besonders ,wenn Hilfe gebraucht wird. Aber auch wenn es ums gemeinsame Feiern geht, sind alle gern dabei. Trine blickte ihn traurig an. „Ach, gäbe es hier doch auch Pastafari“. Das brachte den Fahrensmann auf eine Idee. „Mütterchen, ich muss noch einmal für etwa eine Stunde in die Taverne gehen. Warte mal ab, das wäre doch gelacht, wenn so ein schlauer Fuchs wie ich die ungläubige Bande nicht aufzumischen vermag.“
Strahlend blaue Augen blitzten angriffslustig unter dem Dreispitz hervor, als unser Pirat die Tavernentür öffnete. Natürlich hatte sich die Geschichte vom Lichterpiraten bis dort hin durchgetratscht. Man zweifelte zur Hälfte und wünschte doch, dass es ihn geben würde. Als er den Schankraum betrat, stellte man ihn sofort einen Krug Bier hin und neugierige Männer setzten sich um ihn, um ihn auszufragen. Bereitwillig erzählte er, wie der Lichterpirat Licht und Freude zur Weinachtszeit in jeden Haushalt bringt, dass er besonders die Kinder beschenkt, aber auch jeden Menschen, der es verdient. Der Pastafari konnte beobachten, wie die Gehirnrädchen seiner Zuhörer sich zu drehen begannen. Ein ganz Schlauer stellte dann fest, dass die Geschichte nur Seemannsgarn sein muss. „Wie kommst du darauf?“ wollte Luigi wissen. „Na ja, wieso haben wir denn hier noch keinen Lichterpiraten zu Gesicht bekommen?“ „Das kann ich dir sagen“ entgegnete unser schlauer Rotfuchs mit funkelndem Blick: „Ihr seid keine guten Menschen, weist Fremde ab, wenn sie in Not geraten sind und kümmert euch nicht um eure Mitmenschen, die alt und nicht mehr in der Lage sind, erforderliche Dinge zu erledigen. Solche Leute werden niemals von einem Lichterpiraten belohnt. Denkt mal darüber nach!“

Mit diesen Worten verließ Luigi die Taverne, und verbrachte noch einen diesmal wirklich gemütlichen Abend mit Trine. Er berichtete ganz genau was sich in der Taverne abspielte.


Am anderen Morgen verabschiedete er sich herzlich von dem alten Mütterchen mit den Worten: „Sollte der Lichterpirat hier angekommen sein, wird sich dein Leben verbessern. Falls nicht, bist du herzlich in meiner Heimat willkommen. Ich werde bei unserer nächsten Reise nach dir sehen und dann sehen wir weiter. Nun aber möchte ich dir noch das versprochene Geschenk überreichen, damit du gelegentlich an mich denkst und nie vergisst, dass Pastafari immer für einander da sind. Er nahm sie zum Abschied in den Arm und drückte ihr einen fetten Schmatzer auf die runzlige Wange. Dann warf er den Seesack über den Rücken und stiefelte los. Als er sich nach ein paar Schritten noch einmal umsah, winkte eine glückliche alte Frau mit einem bunten seidenen Tuch ihm freudig nach. „Wir sehen uns bald wieder“, rief er ihr zu, winkte zurück und stapfte schweren Schrittes aber frohen Herzens davon.

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