15.03.2012

Das Wort zum Freitag


Email aus Templin

Zunächst möchte ich mich bei Reiner Vedder dafür bedanken, dass er mir die Veröffentlichung seiner folgenden Mail erlaubt hat. Sie bildet den Rahmen für mein heutiges „Wort zum Freitag“.

"Sehr geehrter Herr Weida und all die anderen Spaßmacher, es würde mich schon interessieren, was Sie dazu bringt, einen solchen Kampf auszufechten. Da wäre mir mein kurzes Leben zu schade. Ich persönlich möchte mich lieber konstruktv mit verschiedenen Meinungen auseinandersetzen, zu denen auch gerne der Atheismus gehören kann. Es ist mir alles zu unsachlich. Sie wissen selbst, dass eine Umschichtung der Aufgaben der Kirchen das Ganze auch nicht billiger macht. Doch es ist klar, dass man über diese Dinge streiten kann- und gerne auch soll. Da fehlt mir die sachliche Kompetenz.
Wenn aber nun Menschen daran glauben, dass ein Höchstes Wesen uns zur Mitmenschlichkeit auffordert und uns in Jesus ein Vorbild gesandt hat, das für mich der Inbegriff der Mitmenschlichkeit ist (für den anderen da sein bis in die letzte Stunde), dann bin ich zufrieden. Gott zu suchen ist eine große Freude, das dürfen Sie glauben. Und das ist nun wieder MEIN Leben, dafür erwarte ich etwas Respekt.
Die ganzen Irrungen und Wirrungen gab es ja nun immer in der menschlichen Geschichte, da darf sich der Atheismus nicht reinwaschen (der in verschiedenen Verkleidungen aufgetreten ist - auch in kirchlichen), denn er ist im letzten auch nur ein Glaube. Ihm bleibt nichts anderes übrig als den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen. Das halte ich persönlich auf jeden Fall auch für gefährlich.
Es wird nichts bringen, wenn wir uns hier unsere verschiedenen Glaubensansichten um die Ohren hauen. Aber der Tonfall Ihrer Veröffentlichungen ist mir doch ein wenig zu militant. Das erinnert mich zu sehr an intolerante Zeiten, die ich in meiner Jugend erleben durfte. Ich dachte, das hätten wir hinter uns. Bitte ein wenig mehr Sachlichkeit, wenn Sie sich schon mit Glauben auseinandersetzen. Sie machen es sich entschieden zu einfach."


Solche Emails zu beantworten fällt mir aus verschiedenen Gründen immer schwer. Das sind zum einen inhaltliche. Nicht immer ist ganz klar, was eigentlich angesprochen ist. Manches kann ich nur vermuten und damit auch mal schief liegen. Das sind aber auch stilistische. Die Antwort soll persönlich sein, aber nicht persönlich werden. Bei aller Klarheit in der Darstellung der eigenen Position möchte ich doch nicht unnötig verletzen. Letztlich bleibt auch noch die Frage, als was antworte ich? Als tiefgläubiger Pastafari oder als strenger Atheist?

Heute habe ich mich, um für den Absender und für alle, die das Wesen des Pastafaritums noch nicht ganz erfasst haben, verständlicher zu sein, für das Letztere entschieden. Weil solche Antworten doch etwas Arbeit machen die möglichst breit genutzt werden soll und weil die Antworten auf die Punkte, die ich mir aus dem Schreiben gezogen habe, sicher auch andere interessieren, habe ich mich außerdem für die öffentliche Antwort entschieden. Dabei gehe ich in der chronologischen Folge der Mail von Reiner Vedder vor.

Warum führe ich einen Kampf?
Ich bin mir nicht bewusst, einen Kampf zu führen. Ich vertrete meine Meinung klar und bewusst. Dabei weise ich nicht nur auf die Stärken meiner humanistischen Weltanschauung hin, sondern auch auf die Schwächen religiöser Weltanschauungen und die ihrer Organisationen. Die hatten lange Zeit das alleinige Monopol auf Moral und Ethik. Wenn sich jetzt immer mehr bewusste Humanisten zu Wort melden, die dieses Monopol anzweifeln, die gar bestimmte religiöse Grundsätze als falsch werten, und deshalb jegliche religiösen Privilegien ablehnen, wird das von manchem Gläubigen scheinbar als Kampf empfunden. Tatsächlich ist es nur der Wettbewerb zwischen Weltanschauungen, wie er in einem Staat ohne Staatsreligion völlig normal ist.

Macht eine Umschichtung der Aufgaben der Kirche das Ganz billiger?
Hier geht es wohl um die Sozialleistungen der Kirchen und das Geld, das die Kirchen vom Staat bekommen. Wer da noch nicht informiert ist, sollte sich dieses Video ansehen.

Würde man die sozialen Leistungen der Kirchen dem Staat übertragen, würde das wahrscheinlich sogar etwas teurer für diesen werden. Immerhin bezahlen Diakonie, Caritas und andere kirchliche Träger tatsächlich etwas, zwischen 2 und 8 Prozent, aus der eigenen Tasche dazu. Den Rest zahlen schon jetzt andere, hauptsächlich der Staat. Für dieses Mehrkosten gäbe es aber auch Vorteile. Die Mitarbeiter in den kirchlichen Einrichtungen würden nicht mehr dem zum Teil unwürdigen kirchlichen Sonderarbeitsrecht unterstehen, sie dürften nicht mehr nach Weltanschauung ausgesucht werden genau so wenig, wie die Patienten und Betreuten in kirchlichen Einrichtungen oder die Kinder in kirchlichen Kindergärten und Schulen.
Würde man die sozialen Leistungen nicht dem Staat übertragen, sondern anderen, nichtreligiösen Trägern wäre der gleiche Effekt erreicht, und das sogar ohne jede zusätzlichen Kosten für den Staat, denn auch diese Träger müssen einen Eigenanteil erbringen. Der ist oft sogar noch höher als der kirchliche.
Würde man die in den Jahren immer ausuferndere finanzielle Förderung durch den Staat insgesamt kürzen bis streichen, würde das einen deutlichen Gewinn für die Allgemeinheit bedeuten, denn die meisten dieser Mittel gehen nicht in Sozialarbeit, sondern in den inneren Bereich der Kirchen. Den zu finanzieren sollte, wie in fast allen anderen Ländern der Welt üblich, ausschließlich von den Kirchen selbst realisiert werden.

Muss man Christen grundsätzlich Respekt entgegen bringen?
Hier bietet sich die Gegenfrage an: Warum sollte man das?
Da wäre einmal der menschliche Faktor, also einfach dem Anderen Respekt entgegen bringen, weil er ein Mensch ist. Vielleicht ist es hier auch eine Frage der Definition, aber ich finde es wirklich als unnötig, ja sogar als falsch, deshalb Respekt zu haben. Es gibt Menschen, für die ich alles andere als Respekt empfinde.
Als zweites wäre da noch der weltanschauliche Faktor. Grundsätzlich jedem, der eine bewusste Weltanschauung hat Respekt entgegenzubringen ist ebenfalls falsch. Kaum ein Demokrat würde das wohl Nazis gegenüber tun. Aber es bestände noch die Möglichkeit, wegen besonderer Weltanschauungen Respekt zu erwarten. Auch das ist falsch. Weder Christen, noch Moslems, Juden oder Humanisten haben das Recht, nur auf Grund ihrer Weltanschauung Respekt zu fordern. Respekt begründet sich einzig auf das Handeln von Personen, auf ihre persönlichen Leistungen. Wenn dazu auch das Eintreten für ihre Anschauungen gehört, die Anschauungen selbst jedoch nicht.
Was ich aber Christen entgegen bringe, ist Toleranz. Auch wenn ich ihren Glauben für falsch halte, ich spreche ihnen nicht das Recht ab, den zu haben und zu vertreten. Aber unter den gleichen Bedingungen wie alle anderen Weltanschauungen auch. Also auch mit dem Recht, diesen Glauben anzuweifeln, zu kritisieren oder ihn satirisch zu verarbeiten.

Ist Atheismus ein Glaube?
Atheismus verzichtet auf Götter. Das ist der einzige Punkt, den alle Atheisten gemeinsam haben. Ein Punkt,der etwas verneint. Zum Glauben gehört es aber, etwas zu bejahen. Zu einem Glauben gehört auch mehr als nur ein einziger gemeinsamer Punkt. Schon deshalb kann Atheimus kein Glaube sein.
Atheismus ist nicht einmal eine Weltanschauung, denn auch dazu gehört mehr als ein gemeinsamer Punkt. Es gibt atheistische und theistische Weltanschauungen. Beide können religiöse Züge entwickeln (vor allem Dogmen, egal ob politische oder religiöse oder das Verlangen nach unbedingtem Gehorsam und dem Folgen des Führers, ob der nun Mensch, Gott oder Gottes Vertreter auf Erden ist). Beide können aber auch ohne  auskommen.

Ist es gefährlich, den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen?
Dahinter steht wohl die alte Behauptung, Werte bräuchten Gott. Ohne den ließen sich Werte nicht begründen und ohne göttliche Überwachung der Werte mit entsprechender Strafandrohung im Jenseits ließen die sich nicht durchsetzen.
Es ist inzwischen hinreichend nachgewiesen, dass altruistisches Verhalten  angeboren ist. Schon Kleinkinder helfen anderen, obwohl sie noch nicht sozialisiert sind. Nicht Gott, sondern die Evolution hat also Werte gesetzt. Falls Strafen überhaupt helfen, sich richtig zu verhalten, dann ganz sicher  eher die Strafen, die ein von Menschen geschaffenes, auf Gleichheit beruhendes und deshalb anerkanntes Recht schon zu Lebenszeiten vorsieht. Es ist nicht gefährlich, den Menschen zum Maß der Dinge zu machen, es ist höchstens falsch. Denn auch Tiere brauchen Rechte. Glücklicherweise sind atheistische Weltanschauungen nicht darauf angewiesen, den Menschen zum (alleinigen) Maß aller Dinge zu machen. Die besten, wie z.B. der evolutionäre Humanismus, machen den Menschen nicht nur zum Verantwortlichen für sein Handeln, sondern auch zum Gestalter seiner eigenen Ethik auf der Basis eines fairen Interessenausgleichs. Davor braucht man keine Angst zu haben, darauf kann man sich einfach freuen.

Ist der Tonfall meiner Veröffentlichungen zu militant?
Da schließt sich der Kreis zu ersten Frage. Die Antwort könnte ähnlich klingen, denn auch hier kommt es wohl sehr auf den Standpunkt an. Ich selbst halte meine Veröffentlichungen für entschieden, aber doch für sachlich. Oder ist es die Satire, die ich so mag, die als militant empfunden wird? Die macht mir und auch allen anderen Pastafari wirklich  viel Spaß, aber Spaßmacher sind wir deshalb trotzdem nicht. Denn wir nehmen sie ziemlich ernst. Wovor uns aber der Spaß bewahrt ist es, trockene, eifernde Jünger eines Weltbildes zu werden. Das würde einfach keinen Spaß mehr machen. So verabschiede ich mich heute mit einem kleinen Bild über Militanz. Ich wünschte mir, Herr Vedder, auch Sie könnten wenigstens ein kleines bisschen darüber schmunzeln.

Kommentare:

  1. Ein schöner Artikel, Bruder!

    Seit neuestem könnte man den "militanten Atheisten" in der Karikatur auch noch durch den Red-Bull-Werbespot illustrieren, bei dem Jesus über das Wasser geht. In diesem Zusammenhang war von religiöser Seite von "säkularen Extremisten" die Rede...

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  2. Danke, guter Tipp. Damit man sich ein Bild machen kann, wie fies säkulare Extremisten vorgehen, hier mal ein Link zum Thema:
    http://tinyurl.com/6qmqhju

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  3. Stimme Deiner Antwort weitgehend zu, ich sehe das ganz ähnlich.

    Ein Punkt ist vielleicht erwähnenswert. Das kirchliche, im Prinzip grundgesetzwidrige Arbeitsrecht hat es geschafft, dass inzwischen wieder der Ruf erschallen darf: Juden raus! Denn in einem konfessionellen Krankenhaus darf nur ein Mitglied der christlichen Kirchen tätig sein. Würde also z.B. ein Atheist oder Jude sich bewerben, hätte er keinerlei Chance, eingestellt zu werden. Würde ein in einem konfessionellen Krankenhaus oder Kita oder Schule tätiger Katholik aus der Kirche austreten, weil er vielleicht atheistischer Humanist geworden ist oder sich zum jüdischen Glauben bekennen würde, würde ihm wegen Vertragsverletzung umgehend gekündigt. Ihm würde zugerufen: Raus hier. Ich finde, dass das eine bemerkenswerte Entwicklung ist, die wir hier beobachten können. Würden sich Neonazis so verhalten, wäre die Hölle los, die Kirche darf das.

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  4. Das freut mich und ich möchte deine Ergänzung gleich noch nutzen, um etwas noch mehr öffentlich zu machen.
    Das kirchliche Sonderarbeitsrecht wir von den Kirchen immer! als die ganz normale, auch für andere Betriebe geltende Tendenzregelung hingestellt. Das ist, je nach Wissensstand, entweder bewusste Lüge oder übliches Nachplappern.
    Tatsächlich unterstehen die Kirchen eben nicht der Tendenzbetriebsregelung. Die besagt, dass z.B. bei Partein, Gewerkschaften oder weltanschaulichen Institutionen im sinnstiftenden Bereich! nur Arbeitnehmer angestellt werden brauchen, die auch die entsprechende Mitgliedschaft haben. Ein Parteisekräter muss also in der gleichen Partei, ein Gewerkschaftsfuntionär in der gleichen Gewerkschaft und sicher auch ein HvDFuntkionär im HvD sein. Nicht aber die Angestellten in ihren Betrieben, nicht der Hausmeister, nicht die Krankenschwester, die Kindergärtnerin, der Arzt oder die Putzfrau. Das dürfen ganz allein die Kirchen.
    Säkulare sollten deshalb nicht fordern, die Tendenzbetriebsregelung abzuschaffen, sondern vielmehr, die Kirchen tatsächlich unter diese zu stellen. Dagegen, das eine Katechetin, ein Pfarrer, Bischof oder Papst in der entsprechenden Kirche sein muss, hat sicher niemand etwas.

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